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>> „Zur Hölle“ mit Gymnasiasten

17 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus ganz Vorarlberg durften im Rahmen eines Ethik- und Philosophie-Projekts vier Tage am Philosophicum in Lech verbringen. Thema des 22. Philosophicums war „Die Hölle. Kulturen des Unerträglichen“

Ein Projekt, das Begabte fördert, indem es Schülerinnen und Schüler mit komplexen Themen der Universität konfrontiert, sollte die Ergebnisse moderner Lernforschung berücksichtigen. Wie also lernt man am leichtesten? Englisch in England oder Amerika, klar – alles kommt in der fremden Sprache daher, man taucht mit Haut und Haar in ein fremdes Leben ein, in einen Strom aus englischer Sprache, Grammatik und Klang. Außerdem gilt als pädagogische Binsenweisheit: Man lernt leicht am Projekt, am einzelnen Beispiel, das konkret und anschaulich ist.

Gut vorbereitet nach Lech

Voila – will man das alles umsetzen, dann wird Philosophie am Philosophicum den weitaus besten Ertrag bringen. Deshalb wurde das Projekt von der Leiterin der Begabungsförderung Mag. Verena Chlumetzky-Schmid initiiert, gleichzeitig auch Obfrau des Vereins Initiative Begabung. Dank der großzügigen Unterstützung dieses Vereins, des Landes Vorarlberg und einer weiteren Organisation, die nicht erwähnt werden möchte, konnten 17 junge Leute aus verschiedenen Gymnasien im Land nach Lech aufbrechen.

Wie kamen sie zu ihrer Chance? Sie mussten zuerst einen Essay schreiben, in dem sie ihre Beweggründe darlegten, warum sie sich für Philosophie interessierten. Anschließend nahmen sie – in den Ferien! – an einem Seminar teil, das von Mag. Elisabeth Widmer, der Assistentin von Prof. Konrad Paul Liessmann, dem wissenschaftlichen Leiter des Philosophicums Lech, gehalten wurde. Dort beschäftige man sich über vier Tage intensiv mit philosophischen Themen. So vorbereitet, durften die Schülerinnen und Schüler der Schule ade sagen und ganz eintauchen in die Atmosphäre von anregende Lech.

„Ein Ziel dieses Projektes zur Begabungsförderung ist es, dass die jungen Damen und Herren das Feuerwerk an Gedanken, Ideen, Thesen und Antithesen miterleben dürfen. Dieses Nachdenken bildet die Persönlichkeit, öffnet Räume für später und zeigt Wege auf, die vielleicht einmal begangen werden können“, so Mag. Verena Chlumetzky-Schmid. „Ohne die großartige Unterstützung wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen“, fügte sie noch an.

Dass die Hölle seit der Antike als ein Ort gedacht wird, der die Ungerechtigkeiten, die auf der Erde erlebt werden, ausgleicht, das ist ein Gedanke, der uns bis heute begleitet und prägt. Dieses „Äquivalenzprinzip“, wie Prof. Liessmann in seinem Einleitungsvortrag erläuterte, sagt sehr viel über die eigenen Moralvorstellungen aus. Die Hölle stelle eine Art Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit dar, sei eine Mischung aus Rache und Vergeltung bei „gleichzeitigem Einverständnis der eigenen Ohnmacht“. Die Hölle erzählt also von uns selbst, von unseren Ängsten und Sehnsüchten, gibt Auskunft über unsere Begierden und Phantasien.

Begeisterung steckt an

Ein besonders aktuelles Thema ist die öffentliche digitale Kommunikation. Prof. Pörksen etwa analysierte unser digitales Verhalten und kam zum Schluss, dass wir – Thema Fake-News – unter Autoritätsverlust leiden. Was ist die Wahrheit? Ein Thema, das sich, seit es Philosophie gibt, immer wieder stellt, heute wahrscheinlich besonders dringlich. Wenn beim Amoklauf in München 2016 etwa auf Facebook Bilder mit dem Inhalt „Jetzt wird auch am Stachus geschossen“ gepostet werden, dann ist eine neue Qualität in unserer Informationsverarbeitung erreicht. Die Bilder erzeugen eine Autorität und beanspruchen damit eine Wahrheit, die, wie man erst viele Stunden später bemerken kann, einfach erlogen war. Wie damit umgehen? Der Hinweis auf den schon seit der Antike beliebten Skeptizismus ist heute mehr denn je geboten.
Von diesen Gedanken besonders begeistert zeigte sich Iris Bachmann: „Nicht nur rhetorisch war Prof. Pörksen beeindruckend, mir hat auch gut gefallen, was er gesagt hat. Wir konstruieren uns die Wahrheit, wie sie uns gefällt. Das betrifft dann aber nicht mehr die Realität“, so die Maturantin aus dem Gymnasium Bregenz/Blumenstraße.

„Philosophie ist Freiheit. Sie hält den Raum des Fragens offen, sie erschüttert verfestigte Denkmuster und Vorurteile. In ihren besten Momenten verhilft sie uns dazu, die Welt in einem neuen Licht zu sehen.“ Dies sagte der Laudator Thomas Vasek anlässlich der Preisverleihung an Thomas Bauer, der den Tractatus für sein Werk „Die Vereindeutigung der Welt“ erhalten hat. Wir scheinen, so die These von Prof. Bauer, in einer Zeit der Vielfalt zu leben. Tatsächlich verlieren wir aber immer mehr unsere Bereitschaft, Mehrdeutigkeit und Vieldeutigkeit zu ertragen. Prof. Bauer belegt seine These mit Beispielen aus unserem Alltag. Dass wir einen riesigen Rückgang an Apfel-, Bananen- oder Tomatensorten bemerken, daran haben wir uns vielleicht schon gewöhnt. Auf derselben Ebene aber liegt unser Unmut, andere als unsere eigene Weltanschauung zu akzeptieren. Auf Mehrdeutigkeit reagieren wir allergisch – oder, wie Prof. Bauer das sagt: Unsere „Ambiguitätstoleranz“ schwindet.

Die Schülerinnen und Schüler werden in den nächsten Monaten an der Philosophie Olympiade, einem Essaywettbewerb, teilnehmen. Wöchentlich trifft man sich und erarbeitet und diskutiert philosophische Themen. Die zwei Besten dürfen zum Finale nach Salzburg reisen und „kämpfen“ dort um die zwei Finalticket zur Internationalen Philosophie Olympiade, die nächste Jahr in Rom stattfindet.

Und so fanden wir uns am Ende der vier Tage in Lech an Goethe erinnert, der im Faust, einem Text mit intensivem Höllengeruch, anmerkt: Man „wandelt mit bedächt’ger Schnelle/ vom Himmel durch die Welt zur Hölle.“

Mag. Stephan Schmid, Leiter der Philosophie-Olympiade in Vorarlberg